Dresdner Lieder-Defensive
Ich frage mich

Ich frage mich, warum die Leute heute nicht mehr singen?
Ich frage mich, warum man sich heut seiner Stimme schämt
und meint, es müsse alles wie aus der Konserve klingen?
Und warum schweigt denn alles wie gelähmt?

Ich frage mich, wer hat uns diesen Blödsinn eingeredet?
Wer sagt denn, dass das Neuste immer gleich das Beste ist?
Wem nützt es, wenn man langsam aber sicher so verblödet,
dass man geduldig jede Lüge frisst?

Wer sind sie, die seit eh und je auf unsre Kosten lachen?
Wer fischt sich aus der Suppe stets die größten Brocken raus?
Wer möchte uns am liebsten gleich für immer mundtot machen?
Wer sperrt uns immer wieder ein und aus?

Wer teilte diese reiche Welt in Hungernde und Satte?
Wer macht aus jeder Hoffnung einen hohen General
und aus dem Glück ein Lächeln mit Mercedes und Krawatte
und aus dem Paradies ein Jammertal?

Ich frage mich, damit ihr es auch wisst,
warum der Teufel keine Fliegen frisst!

Rainer Baumgärtel 1988
Macht auf die Tür

Bei diesem Lied handelt es sich um eine Adaption von „Macht hoch die Tür”, Lied Nr. 1 im Evangelischen Gesangbuch. Die Musik wurde 1704 von einem Anonymus aus Halle komponiert. Den originalen Text hat der Königsberger Pfarrer Georg Weissel (1590-1635) verfaßt. Er gehörte zu dem Kreis um den bedeutenden barocken Dichter Simon Dach, der u.a. die berühmte „Anke von Tharau” schrieb. Wir hoffen, dem schönen Lied mit unserer Bearbeitung keine Gewalt angetan zu haben.
So sieht es im Original aus:


Und hier unser neuer Text:

Macht auf die Tür, noch ist es Zeit!
Es kommt ein Mensch, der uns befreit.
Kein König, sondern nur ein Knecht,
ein Diener, eher schlecht als recht
gekleidet, ohne Hab und Gut,
der allen Leuten Gutes tut.
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

Er wär’ mir keine Zeile wert,
hätt’ er die Krone auch begehrt.
Erhaben über Haß und Neid,
kommt er uns mit Barmherzigkeit.
Weil er uns allen Hoffnung bringt,
lasst ihn nicht draußen vor – nein, singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat.

O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
wer den Geringsten bei sich hat.
Wohl allen Herzen, die verzeihn,
zieht seine Demut darin ein.
Uns rettet weder Gut noch Geld;
er ist die letzte Chance der Welt!
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster, der sich naht.

Rainer Baumgärtel 1992
frei nach Georg Weisel 1623
Wann immer ich singe

Wann immer ich singe, so geht es doch nur
gegen die Schwerkraft, die eigne Natur.
Dann wachsen mir Flügel, dann wird mir ganz heiß,
dann taut mir im Herzen das ewige Eis,
weil scheinbar Unmögliches dennoch gelingt,
wenn man sich etwas Mut ansingt.

Ich singe vom Leben, es lässt mich nicht los,
das herrliche Leben, so klein und so groß.
Ich schweb in den Wolken, ich stehe am Grab,
und eine soll wissen wie gern ich sie hab,
weil scheinbar Unmögliches dennoch gelingt,
wenn man sich etwas Mut ansingt.

Ich singe vom Ölzweig, der Taube dem Krieg
und von diesem Land, das der Asche entstieg.
Will singen von Früchten, verboten und süß,
von Freuden und Leiden und vom Paradies,
weil scheinbar Unmögliches dennoch gelingt,
wenn man sich etwas Mut ansingt.

Denn singen, das heißt, dass die Hoffnung noch lebt,
auch wenn man schon eifrig das Loch für dich gräbt.
Ein Lied kann zertrümmern, kann beten, kann schrei’n,
denn letztlich singt keiner für sich ganz allein,
weil scheinbar Unmögliches dennoch gelingt,
wenn man sich etwas Mut ansingt.

Rainer Baumgärtel 1987
Erntedank
(Wir pflügen und wir streuen)

Auch dieses Lied ist eine Adaption einer populären Gesangbuchweise. Es handelt sich um Nr. 508 im Evangelischen Gesangbuch. Die Musik wird allgemein dem in Lüneburg geborenen Dirigenten und Komponisten Johann Abraham Peter Schulz (1747 – 1800) zugeschrieben. Er hat auch andere bekannte Lieder unseres Textdichters wie „Der Mond ist aufgegangen“ vertont. Der Texter des Originals, Matthias Claudius (1740 – 1815), war ein norddeutscher Journalist und Schriftsteller, der sich besonders mit eingängiger, dem Volkstone nahekommender Lyrik ein literarisches Denkmal errichtet hat. Es war nicht unsere Absicht, uns über das gelungene Lied lächerlich zu machen, sondern ausschließlich einige zeitgemäße Aspekte der Thematik näher zu beleuchten.


Und hier unser neuer Text:

Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
so lügt man in der Kirche,
das liegt klar auf der Hand:
Wir säen nicht, wir lassen
die Felder unbestellt,
dafür gibt’s dann aus Brüssel
und sonst woher noch Geld.

Alle gute Gabe,
die alte Orgel dröhnt,
doch hab ich mir schon lange
das Danken abgewöhnt.

Denn Essbares zu kaufen,
ist fast wie Lotterie:
Der Apfel schmeckt nach gar nichts,
der Salat nach Chemie.
Das Ei kommt aus dem Hühner-
KZ, die Kuh kennt Klee
nur noch von Hörensagen,
der Ochs hat BSE.

Alle gute Gabe...

Der Mais ist jetzt genetisch
verändert - Gott sei Dank!
So wird denn statt der Pflanze
nur der Verbraucher krank.
Und dann die Butterberge,
der Schlachtviehüberschuss...
Ich glaube, so ein Bauer
macht uns nur noch Verdruss.

Alle gute Gabe...

Wie lang wird es noch dauern?
Schon seh’ ich die Natur
in Zoos und Gärten enden;
das Brot kommt vom Labor
und Wein aus der Retorte,
aus Erdöl - Welch ein Glück! -
der Grundstoff für den Joghurt,
Steak aus der Fleischfabrik.

Alle gute Gabe...

Doch geht es ja auch anders
im Landwirtschaftsressort:
Statt zehn Geschmacksverstärkern,
schmeckt da die Frucht noch vor.
Im Blumenkohl die Schnecke,
nehm’ ich auch gern in Kauf
für ungespritztes Essen
zur Zeit im Jahreslauf.

Da kommt die gute Gabe
noch her von Gott dem Herrn.
Er hat sie wachsen lassen,
drum danke ich ihm gern!

Rainer Baumgärtel 1999
frei nach Matthias Claudius 1783
Der Text aus der berühmten, wenn auch etwas umstrittenen Volkslieder-Sammlung von Clemens Brentano und Achim von Arnim wurde auch von uns nicht zum ersten Male in Töne gesetzt. Überhaupt haben schon große Komponisten den dort in großer Menge veröffentlichten Versen ein musikalisches Kleid verpasst. Auf jeden Fall sollte man(n) aber die lyrischen Warnung, sich zu hüten, nicht leichtfertig in den Wind schlagen.

Hüt du dich

Ich weiß mir'n Mädchen hübsch und fein,
Hüt du dich!
Es kann wohl falsch und freundlich sein,
Hüt du dich! Hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich.

Sie hat zwei Äuglein, die sind braun,
Hüt du dich!
Sie werd'n dich überzwerch anschaun,
Hüt du dich! Hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich.

Sie hat ein licht goldfarbnes Haar,
Hüt du dich!
Und was sie red't, das ist nicht wahr,
Hüt du dich! Hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich.

Sie hat zwei Brüstlein, die sind weiß,
Hüt du dich!
Sie legt s' hervor nach ihrem Fleiß,
Hüt du dich! Hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich.

Sie gibt dir 'n Kränzlein fein gemacht,
Hüt du dich!
Für einen Narren wirst du geacht,
Hüt du dich! Hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich.

aus „Des Knaben Wunderhorn“
Achim von Arnim (1781–1831)
Mehr Texte von uns gib’s in diesem Buch:

Rainer Baumgärtel
Hexenlinde
Lyrisches und Vertontes

Druckerei & Verlag Fabian Hille

Preis: 13,80 EUR
ISBN: ISBN 9783947654291


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